Geld - gibt es nicht

"Geld" habe die Funktionen Wertmassstab, Tauschmittel und Wertaufbewahrung zu erfüllen. Wir erachten es hingegen als Mythos, dass es ein "etwas" gibt, das diese drei Funktionen erfüllt. "Geld" ist ein Mythos, den es nicht gibt. Wir müssen diese Funktionen differenziert betrachten. 

Wertmasstab

Die Währung "Britisches Pfund" bezog sich einst auf ein Pfund Silber - immerhin eine physikalisch messbare Grösse. Adam Smith geht davon aus, dass Menschen eine Neigung zum Tausch haben; Sie mögen einst Muscheln und ähnliches als Tauschmittel verwendet haben, doch aufgrund ihrer Seltenheit und Beständigkeit haben sich Edelmetalle als Tauschmittel und Wertmassstab durchsetzt. Es gibt jedoch keine historischen Belege, dass Geld in einer "marktwirtschaftlichen Urgesellschaft" aus dem Tauschinteresse freier Individuen entstanden ist.

 

Als älteste Währung gilt mittlerweile der "Schekel"; die israelische Währung knüpft daran an diesen Wertmasstab an, welcher etwa 5000 Jahre vor Christus in den Tempeln der Sumer erschaffen wurde. Ein Schekel entspricht der Menge Weizen, die zur Ernährung eines Tempeldieners nötig ist. Das entspricht 120 Liter Weizen, damals bemessen mit einem entsprechend grossen Massgefäss ("Glur"). Tempel sind der Kristallisationspunkt der Zivilisation. Aus der Opfer-Abgabepflicht entwickelt sich Preise. Um seine Bediensteten zu ernähren, fordert der wachsende Tempelstaat Opfer (bzw. Steuern) vom Volk ein. Das Ton-Keil-System zur Administrierung der Steuerzahlpflicht gilt als Ursprung der Mathematik, und kann als Ursprung vom Geld interpretiert werden (Hudson). Demzufolge steht am Anfang der Geldgeschichte nicht ein Tauschmittel auf einem freien Markt, sondern ein bürokratischer Wertmassstab. Anstatt einer Glur Weizen konnte auch eine gewisse Menge Fleisch oder Früchte abgeliefert werden. Eine zentralistische Planwirtschaft definiert Preise, was jedoch auch den Güter-Tausch unter Individuen vereinfacht haben mag. Gemäss dieser Logik wurde der Markt aus einer Planwirtschaft geboren: Die von der Steuer-Obrigkeit gesetzten Preisverhältnisse vereinfachten die Einigung auf ein Austausch-Verhältnis. 

 

Wir erachten Nahrungsenergie, gemessen in Weizen oder Reis, nach wie vor als zweckmässige Messgrösse für Ökonomik. Als Grundumsatz benötigt der Mensch rund 1.16 W pro kg Körpergewicht, d.h. bei 65 kg 75 W und pro 24 h 6,53 MJ. Der Gesamtumsatz inklusive Leistungsumsatz kann bei Schwerarbeit bis zu 20 MJ/Tag betragen. US-Bürger konsumieren durchschnittlich rund 10 MJ/Tag, armutsbetroffenen Indern stehen weniger als 6 MJ/Tag zur Verfügung. Bei beschränkter Nahrungsmittel-Verfügbarkeit bleibt vorerst die Leistungsfähigkeit und mittelfristig auch die Körpergrösse beschränkt. Asiaten sind nicht genetisch bedingt kleiner als Europäer; die Enkelkinder von in die USA eingewanderter Asiaten erreichen mehr oder weniger dieselbe Körpergrösse wie andere Ethnien (ohne Einheiraten in andere Gemeinschaften), schreibt Abhijit Banerjee. Die Kinder von Einwandererfrauen der ersten Generation sind vor allem deshalb noch klein, weil Frauen, die in ihrer Kindheit selbst unterernährt waren, oft kleinere Kinder zur Welt bringen.

 

Die Weltbank hat 1990 eine Armutsgrenze bei 1 USD/Tag definiert, welche als Subsistenzminimum zu verstehen ist. Mittlerweile ist die Armutsgrenze über 1 USD/Tag definiert, was aber weniger mit der Wohlstandsentwicklung als der Unzuverlässigkeit vom US-Dollar als Wertmassstab zu tun hat. Der Wirtschaftshistoriker Robert C. Allen zieht zum Vergleich der Einkommen über Kontinente und Jahrhunderte hinweg einen Güterkorb bei, der zum nackten überleben notwendig ist (bare-bone subsistence). Annäherungsweise sind dies pro Jahr 167 kg Getreide, 20 kg Bohnen, 5 kg Fleisch und 3 kg Butter/Fett (ca. 8 MJ/Tag); plus 1.3 kg Seife und 3 m Stoff pro Jahr sowie 6 MJ Brennstoff pro Tag. Bis ins Mittelalter bestand die Kunst der Herrschaft darin, die Bauernschaft auf dem Subsistenz-Minimum zu halten, und der darüber gehende Ertrag abzusahnen. Um 1650 hatten Arbeiter in London wie auch in Delhi einen Lohn, welcher etwa 3 Subsistenz-Rationen entspricht. Um 1850 erhält der Inder hingegen nur noch 1.25 Subsistenz-Rationen, während der Engländer die 5fache Ration verdient. Seither ist die Einkommensungleichheit global weiter gewachsen. Eine Erklärung dazu ist später zu finden, vorerst geht es um die Definition eines sinnvollen Wertmassstabs.   

 

Wohlwissend, dass Getreide alleine keine ausgeglichene Ernährung erlaubt, kann vereinfachend 8.64 MJ/Tag Nahrungsenergie (bzw. 100 W) bzw. rund 550 g vom günstigsten lokal verfügbaren Getreide - Reis oder Weizen - als eine Recheneinheit ($) definiert werden. Mit einem Jahreseinkommen von 1 $ pro Tag bzw. 365 $ pro Jahr kann man sich 200.75 kg Getreide kaufen oder "annäherungsweise überleben". Somit können wir aktuelle Statistiken in USD annäherungsweise mit $ gleichsetzen. Alleine über die jährliche Reis- und Weizenernte stehen pro Person 200 kg bzw. 100 W zur Verfügung (zuzüglich Mais, Zucker, etc). Hunger resultiert nicht aus Mangel, sondern aus einer ungleichen Verteilung. Wenn auch heute noch 10% der Weltbevölkerung unterernährt ist, scheint eine Subsistenz-Ration an Nahrung ein über Jahrtausende und auf allen Kontinenten relevanter Wertmassstab. 

 

Tauschmittel

Getreide ist kein praktisches Tauschmittel - es verdirbt mit der Zeit, und niemand will kiloweise Getreide für Zahlungszwecke herumtragen. Wir können eine Getreide-Wertenheit jedoch problemlos via Blockchain elektronisch transferieren - daher ist das differenzierte Verständnis der "Geldfunktionen" wichtig.  

 

Ein physisches Tauschmittel in Form von Münzen ist erst zwei Jahrtausende nach dem Wertmassstab Schekel/Getreide historisch nachweisbar. Münzen wurden erstmals im 3.Jahrtausend vor Christus in Lydien an der türkischen Küste ausgegeben, vermutlich zur Bezahlung von Söldnern. Doch wieso sollten Landwirte den Soldaten gegen ein Stück Edelmetall Lebensmittel hergeben? Erstens mag man lieber etwas edles Metall annehmen als geplündert zu werden. Zweitens mag die Obrigkeit eine Steuer in Form von Münzen einführen - zur Bezahlung der Söldner. Soldaten mit Lebensmitteln zu versorgen ist eine logistische Herausforderung; die Silber-Zirkulation ersetzt gewissermassen die Lieferung von Getreide in die Hauptstadt und zurück zu den Soldaten.

 

Im mittelalterlichen Feudalismus ist Gott Herr über die Erde, und der gottgesandte König verwaltet sein Land. Indem die Edelmetall-Minen alleine dem König zustehen, kann er das frisch geschürfte Silber und Gold zu Münzen prägen und damit seinen Haushalt finanzieren. Es gibt keine Grenze zwischen Staatskasse und jener der königlichen Familie. Der Landesherr überlässt seinen militärischen Gefolgsleuten zu deren materieller Versorgung die Nutzung von Teilen seines Landes einschliesslich der darauf befindlichen Bewohner. Die Leibeigenen leisten Abgaben an die Lehensinhaber. Krieg zu führen und neue Ländereien zu bewirtschaften kann eine profitable Investition sein. Illustriert wird dies am Beispiel der Kreuzzüge ab 1095. In Anbetracht der muslimischen Bedrohung, die bereits vor den Toren Wiens steht - wird die hungrige Überbevölkerung Europas im Namen Gottes in den Krieg gesandt. Der Papst hat ein Ende der Leibeigenschaft für jene in Aussicht gestellt, die das Kreuz nehmen und ins heilige Land mitziehen. Kreuzzüge waren auch eine willkommen Beschäftigung für überzählige Söhne, die nicht im Kloster oder Klerus untergebracht werden konnten oder wollten. Verbrecher und Gesetzlose konnten sich durch das Kreuzzugsgelübde der Strafverfolgung entziehen und sich ein neues Leben oder Beute erhoffen. Missionstätigkeit und der Kampf für die Religion widerspiegelt keine moralische Überlegenheit, ist jedoch insofern logisch, als dass jene Gesetze am mächtigsten sind, welche von den meisten Menschen befolgt werden. 

 

Von der Beute der Kreuzzüge profitierten die italienischen Seerepubliken - Genua, Venedig, Pisa - dort entstehen in der Zeit die ersten grossen Handels- und Bankenhäuser. Italienischen Handelsfamilien gelangen während den Kreuzzügen zu Reichtum und finanzieren die Herrschenden. Die Monarchien dieser Zeit haben kaum die Strukturen, um Steuern einzutreiben. So erhielt beispielsweise die italienische Familie Frescobaldi das Recht, im Gegenzug für einen Kredit an den König von England in England Steuern einzutreiben. Das profitable Geschäft mit den Herrschenden kommt jedoch mit einem signifikanten Risiko: Als der König von England 1345 seine Schulden nicht zahlen kann, verweist er die Frescobaldis des Landes. Um persönliche Repressionen der Herrschenden auf die Geldgeber zu vermeiden, entstanden Privatbanken als Intermediäre. Die erste Giro-Bank entsteht um 1100 in Venedig. Italien ist erst seit 1861 ein geeinter Nationalstaat - im 11.Jahrhundert ist Süditalien von Arabern beherrscht - und die Herrscher von Venedig, Pisa und Genua konkurrenzieren sich. Im Gegenzug für militärische Hilfe gegen die Araber in Süditalien räumt der oströmische Kaiser Venedig Handelsprivilegien ein. So sind Venedigs Händler von Byzanz (Istanbul) über Tunis bis London und Brügge gut vernetz. Die Banco del Giro wird gegründet, da das Bereitstellen von grossen Mengen Goldmünzen für die wachsenden Handelstransaktionen stets herausfordernder wird. So wie heute das Ende vom Bargeld diskutiert wird, wurde damals erlassen, dass grosse Handelstransaktionen über die Banco del Giro zu bezahlen sind. Jeder Händler musste ein Bankkonto eröffnen, und die Guthaben wurden zum offiziellen Zahlungsmittel erklärt. Das deponierte Edelmetall stand dem Stadtstaat zur Finanzierung der Handelsexpansion Verfügung.

 

Aus Europa-zentrischer Perspektive entdeckten europäische Seefahrer die Welt: Diaz 1488 an der Südspitze Afrikas, Kolumbus 1492 nach Amerika, Vasco da Gama 1497 in Indien - solche Daten lernte man im Geschichtsunterricht. Die gesuchten Gewürze wurden zwischen Europa und Asien seit jeher über den Landweg gehandelt, doch den Seefahrern ging es darum, Handelsmonopole der Venezianer, Türken und Araber zu brechen und selbst Profit daraus zu schlagen. Im Austausch gegen Gewürze und hochwertige Textilien aus Asien hat Europa in jener Zeit wenig zu bieten - ausser Gold und Silber, das sich in Bengalen akkumulierte. Wolle aus Nordeuropa konnte mit feiner Baumwolle und Seide aus Indien nicht konkurrenzieren, China und Indien dominierten die Industrieproduktion bis 1750. Der Chinesische Seefahrer Zheng He segelt 1415 mit 63 Schiffen und 28'560 Mann via Indien bis nach Mosambiq - nicht zu vergleichen mit den drei Schiffchen von Kolumbus. Entscheidend war jedoch, dass Kolumbus - trotz Verstoss gegen das christliche Weltbild, dass die Erde eine Scheibe ist - nach vielen Fehlschlägen doch einen Financier für sein Abenteuer fand. Der Italiener warb seit 1484 für seine Expeditionspläne, beim portugisischen König, und suchte auch in England und Frankreich Unterstützung. In China setzte ein Kaiser, der im Aussenhandel keinen Mehrwert sah, der chinesischen Schatzflotte 1424 ein Ende. Während in China zentralistisch ein Kaiser regiert, dessen ja oder nein das Schicksal bestimmt, ist die Herrschaftsstruktur in der verstückelten Geographie Europas vielfältiger. Vielfalt ist Voraussetzung für neue Entwicklung - eine Erfolgsthese von Evolution und Liberalismus. Kolumbus wird sich 1492 mit dem spanischen König handelseinig - er soll 10% der Profite aus dem Verkauf vom aufzuspürenden Gold und Gewürz erhalten und Statthalter der gefundenen Ländereien werden. Gewürz ist in Amerika nicht zu finden, dafür bringt das in grossen Mengen gefundene Silber und Gold über die nächsten Jahrhunderte eine schleichende Inflation. Die Inflation in Europa wäre noch deutlich höher gewesen, wenn nicht 1/3 von dem in Amerika abgebauten Silber im Tausch gegen Textilien, Gewürze und Tee nach Asien geflossen wäre. Wenn von Amerika her grosse neue Mengen vom Edelmetall auf ein konstantes Volumen an Warenumschlag in Europa trifft, so erhält man für eine Silbermünze bald weniger Ware als zuvor - das nennt man Inflation. Der Bäcker verdient bald mehr Silbermünzen, erhält für diese jedoch nicht mehr Ware. (Wobei zu erwähnen ist, dass Geld bis ins 19.Jahrhundert nur für eine Bevölkerungsminderheit alltäglich relevant war, denn über 90% der Bevölkerung waren selbstversorgende Bauern.) Es ist einsetzende Inflation, welche dazu führt, dass das Zinsverbot der Kirche gelockert wird - da sonst kein Geldgeber Kredite gewähren würde, wenn später zurückgegebenes Silber weniger wert ist.

 

In China hat man gleichzeitig hingegen eine andere Herausforderung: Die Warenproduktion wächst - realwirtschaftlich erfreulich - aber die Edelmetall-Menge steigt nicht proportional dazu. D.h. für eine Silbermünze erhalte ich heute eine Getreideeinheit, in einem Jahr erhalte ich für die gleiche Münze hingegen eine grössere Getreidemenge - das ist Deflation. Deflation führt dazu, dass Käufe eher hinausgeschoben werden - weil man später mehr erhält. Der Bäcker erhält weniger Silbermünzen für sein Brot, was theoretisch nicht schlimm ist, denn pro Silbermünze erhält er zukünftig mehr Ware. Wenn man den Lohn des Chinesen in Silber-Währung misst, ist dieser deutlich tiefer, als jener vom Bäcker in Europa. Nicht weil der Europäer fleissiger ist - sondern weil der Chinese produktiver wurde, und nicht China sondern Europa neue Silbervorräte erschlossen hat. Eine rein monetärer Erklärungsansatz zum Ursprung der Einkommensungleichheit, den wir gerne zur Diskussion stellen. Hätten die Chinesen eine Banco del Giro erfunden wie die Händler von Venedig, hätten sie vielleicht mit Buchgeld statt Münzen den Edelmetall-Engpass überwinden können. Der Mangel am Edelmetall-Tauschmittel in China ist eine Erklärung, wieso China im Tausch gegen hochwertiges Porzelan und Tee (nur) inflations-förderndes Silber als Zahlungsmittel akzeptierte. 

 

Die Innovation im Bankenwesen geht in Europa weiter: Banken lagern bekanntlich das "Geld" bzw. Edelmetall, das ihnen Sparkunden anvertrauen, nicht alles im Keller. So kann es zu einem Liquiditätsengpass kommen, wenn zu viele Sparkunden ihre Guthaben abheben möchten. In einer solchen Situation gibt eine Bank um 1660 erstmals "Banknoten" aus - das Papier soll irgendwann wieder in Edelmetall eingetauscht werden können. Wer daran glaubt, ist mit Papier viel leichter unterwegs als mit Metall. Der US-Dollar wird bis ins 19. Jahrhundert von einzelnen Privatbanken ausgegeben. Nicht immer war das Vertrauen in die einzelnen Privatbanken berechtigt, weshalb es heute Nationalbanken gibt: Neue Noten und Münzen geben diese aus im Tausch gegen Schuldtitel der Privatbanken. Oder aber die Geldschöpfung erfolgt nur noch buchhalterisch-elektronisch. Münzen, Banknoten, Bankkonten - ggf. elektronisch bewirtschaftet - sind Tauschmittel, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben.  Ihr Wert wird in einem Wertmassstab gemessen - sei dies in Pfund Silber, in US-Dollar, Bitcoin oder Getreide. Die hinter Bitcoin stehende Blockchain-Technologie mag ein Tauschmittel der Zukunft sein, aber die Werteinheit Bitcoin - Computer-Rechenleistung - scheint uns kein relevant-sinnvoller Wertmassstab. Die wenigsten Afrikaner haben ein Bankkonto - aber ein Mobiltelefon mit einem Guthaben, das per SMS für Zahlungen eingesetzt wird. Ein Drittel der Wirtschaftsleistung von Kenia wird mit Mobiltelefon-Transaktionen abgewickelt. Wenn die nationale Währung plötzlich an Wert verliert, mag der US-Dollar als Wertmassstab für elektronischen Zahlungen beigezogen werden - oder in Zukunft vielleicht Getreide-Einheiten. 

 

Wertaufbewahrung

Wenn es kein Geld gibt - was versteht man dann unter der gängigen Redewendung, dass jemand Geld hat? Manche mögen eine gewisse Menge an Tauschmittel - Münzen, Banknoten, oder einfach ein gefülltes Bankkonto haben - das anhand eines gewissen Wertmassstabes (Pfund Silber, CHF, Bitcoin) bewertet wird. Wer aber (angelblich) richtig viel "Geld" hat - ein "Milliardär" - hat kaum so viel Tauschmittel an Lager. Er hat Eigentumsrechte (an Unternehmen, an Immobilien), die mit dem Wertmassstab entsprechend bewertet werden. Weshalb ist eine Immobilie 1 Million CHF wert? Weil sie womöglich gegen 1 Mio CHF Tauschmittel getauscht wurde, ist nur die eine, weniger ausschlaggebende Antwort (der "vermeintliche" Substanzwert). Weshalb ist jemand willig, 1 Mio CHF für die Immobilie her zu geben? Weil er Grund zu Annahme hat, dass in der Zukunft aus diesem Eigentumsrecht 1 Mio CHF oder mehr zu gewinnen ist. Weil andere bereit sind, (in CHF bemessenes) Tauschmittel gegen die Nutzung der Immobilie her zu geben. Das ist eine Spekulation, eine Spekulation auf Werterhaltung. Es gibt riskante und weniger riskante Spekulationen bzw. Erwartungen, aber eine Kapitalanlage besteht aus nichts anderem als aus Hoffnung und Vertrauen. Wertaufbewahrung kann nicht durch "etwas wie Geld" selbst erfolgen. Münzen wurden früher in Silber ausgegeben; wenn der Wertmassstab Silber ist, mag das als stabiler Wert gelten. Aber der Wert von Silber ist - z.B. gegenüber der überlebensrelevanten "Subsistenz-Ration" 8 MJ Nahrung - genauso volatil. 

 

Im 19. Jahrhundert führten immer mehr europäische Staaten den Goldstandard ein. Die bis dahin wert-bestimmenden Silbermünzen wurden durch Banknoten abgelöst, die Anrecht auf Gold verbrieften. Gold war der Wertmassstab in Grossbritannien, aber in der britischen Kolonie Indien blieben Silbermünzen die bestimmende Währung. In Europa brauchte man als Tauschmittel kein Silber mehr, und in den USA wurde immer mehr Silber abgebaut. Weizen aus Indien, den man gegen Silber erwerben konnte, wurde zum billigsten weltweit. Auch wenn in Indien selbst Hunger verbreitet war. 1 kg Silber konnte man für immer weniger Gramm Gold erwerben. Umgekehrt mussten die Inder immer mehr Silber anhäufen, um die "Home Land Charges" an Grossbritanien abzuliefern, deren Höhe in Gold festgelegt war. Soviel zur rein monetär-mechanistischen Ausbeutung von Kolonien und zur Relativierung der Vorstellung, dass Edelmetall "wertaufbewahrend" sei. 

 

Banken schaffen "Geld" aus dem Nichts, wird zuweilen kritisch erkannt. Mit einer rein buchhalterischen Transaktion: Ich beantrage 1 Mio CHF für einen Hausbau. Die Bank bucht nun auf der einen Seite ihrer Bilanz einen Kredit von 1 Mio CHF, und schafft auf der anderen Seite der Bilanz ein Bankguthaben mit 1 Mio CHF Tauschmittel, mit dem ich die Handwerker bezahlen kann. Das zu erkennen, ist wichtig und richtig. Aber die Sache selbst ist nicht des Teufels oder irgendwie falsch, sondern zeugt vom Vertrauen, auf dem der "Kapitalismus" aufbaut. Die Bank hat die Erwartung, dass die Million CHF über die Kreditlaufzeit zurück kommen - ich vermiete das Haus für 3'500 CHF pro Monat. In 50 Jahren ist die Million "zurück", und zumindest das Land wird dann nicht wertlos sein. Aber wenn mein Haus in 5 Jahren abbrennt, oder niemand mehr in der Region wohnen will, wo das Haus steht, dann ist die Wertaufbewahrung nicht mehr gegeben - wenn niemand mehr Miete bezahlt. Wenn eine Liegenschaft höher bewertet wurde als sie letztlich Liegenschaftsertrag generiert - wie im Falle der Sub-Prime-Kriese in den USA - so ist das effektiv ein Problem. Die Wertaufbewahrung kann nicht über "Geld" nicht über ein Tauschmittel erfolgen. Die Hoffnung auf Zukunftserträge, die mit Eigentumsrechten bzw. dem Kapital verbunden ist, ist die einzige Möglichkeit, Wert aufzubewahren. Wenn ich Eigentümer einer Hundert-Pesos-Banknote bin, habe ich die Hoffnung, dass ich dafür Übermorgen noch gleich viel erhalte wie heute. 

 

Kapital lebt alleine von der Hoffnung, dass die Summe der zukünftigen Geld-Rückflüsse grösser ist als der ursprünglich investierte Betrag. Eine Fabrik oder eine Maschine ist greifbar; aber wer heute in die Produktion von Verbrennungsmotoren investiert, erhält sein Kapital womöglich nicht mehr zurück, weil in wenigen Jahren keine Verbrennungsmotoren mehr nachgefragt werden. 

 

Dass eine Solarstromanlage über ihre Lebensdauer mehr Ertrag liefert als sie ursprünglich gekostet hat, ist eine Spekulation. Wir haben gute Gründe, die Wirtschaftlichkeit zu proklamieren, doch ein Problem ist die Relativität der Wirtschaftlichkeit auf dem Kapitalmarkt: Eine PV-Anlage in Burkina Faso mag 4% Rendite ermöglichen, das heisst nach Abzug von Betriebsaufwand und Amortisation vom jährliche Ertrag bleibt ein Gewinn, der dividiert durch die Anfangsinvestition 0.04 = 4% beträgt. Im Verhältnis zum Zinsniveau in Europa scheint dies interessant; relativ zu möglichen Renditen von anderen Anlagemöglichkeiten in Burkina Faso hingegen nicht. Dass in Afrika nicht mehr Kapital für Solarstromanlagen zur Verfügung gestellt wird, lässt sich fast nur damit erklären, dass es noch attraktiver ist, Kapital in eine Goldmine oder Tankstelle zu investieren, wo über 10% Rendite erwartet werden. Banken geben lieber einem Händler einen Kredit, der Automobile importiert und wenige Monate später doppelt so viel Geld auf dem Konto hat, als 20 Jahre auf den Payback von einem Kraftwerk zu warten. 

 

 

Dass Entwicklungsländer zu wenig Kapital hätten, ist eine fragwürdige Behauptung. Denn Kapital entsteht alleine aus Mut, Hoffnung und Vertrauen. Wenn ein Schweizer ein Haus bauen will, hat er das dazu nötige Geld üblicherweise genau so wenig auf dem Konto wie ein Afrikaner. Er geht zur Bank, die verifiziert, ob das für das Haus erforderliche Geld über die Lebenszeit der Investition zurück fliessen. Wenn dies als wahrscheinlich erscheint, füllt sie auf der einen Seite der Bank-Bilanz das Konto des Bauherrn, auf der anderen erschafft sie einen Kredit. Kredit = Glauben, dass das Geld zurück kommt. Dass sie dem Permakultur-Freak keine Kreditwürdigkeit zuordnet, dem Autohändler hingegen sehr wohl, ist der eigentliche Kritikpunkt. Nicht, dass ein Finanzinstitut Geld aus dem Nichts erschaffen kann, um unter Umständen auch Solarstromanlagen oder Permakultur zu ermöglichen. Wem man vertrauen kann, ist die essenzielle Frage. Dass Grosskonzerne bislang kreditwürdiger eingestuft wurden als ideologisch motivierte Initiativen, ist Business-as-Usual. Doch die ideologisch angestossene Energiewende mag mittlerweile eine vertrauenswürdigere Investitionsmöglichkeit sein als ein überbewerteter Immobilienmarkt oder eine rezessions-gefährdete Industrie. Afrika braucht Banken, welche in das Potential der Solarenergie glaubt. Mittlerweile finanziert die Asien Development Bank erneuerbare Energien in Asien und macht der Weltbank ihren Rang strittig.

 

Die Vorstellung, dass Edelmetall wertaufbewahrend ist, wurde dem König von Mali zum Verhängnis, als er im 14. Jahrhundert nach Mekka pilgerte. Die seit dem 7.Jahrhundert entstandenen grosse Sahelreiche lebten von den reichen Gold-Vorkommen, tanssaharische Handelskarawanen brachten das Gold in den Norden und Wohlstand in den Süden. Die grosse Goldmenge, die der König auf seiner Pilgerfahrt mitführte und ausgab, führte in Ägypten zur Hyperinflation. Die Rückreise war für den König ruinös, sein Gold war in Weizen bemessen plötzlich viel weniger wert. 

 

Als die Europäer ab dem 15. Jahrhundert die grosse Edelmetall-Vorkommen in Amerika erschliessen, beginnt der Niedergang der Sahel-Reiche. Mit dem Fortschritt in der Windenergie-Nutzung bzw. Segelschifffahrt verliert der Handel durch die Sahara an Bedeutung; stattdessen erzielt das Königreich Dahomey im heutigen Benin gute Einnahmen durch den Handel mit versklavten Feinden. Skalverei wird zu einem beliebt-lukrativen Urteil in Strafprozessen. Der transatlantische Handel ist nicht Ursprung, aber Treiber eines wachsenden Menschenhandels. 

 

Doch zurück zu Geld und Inflation: Ist Inflation eine Verschleierung der Tatsache, dass Wertaufbewahrung über etwas wie Geld nicht möglich ist? Man kann heute Tauschmittel gegen ein Eigentum tauschen und zukünftige Rückflüsse daraus erhoffen. Die Wertaufbewahrung ist alleine von dem Erfolg dieser Hoffnung abhängig. Geben wir heute einem Bauern ein Kilogramm Weizen, so können wir am ende der Erntesaison ein Vielfaches erwarten. Dass der "Kapitalgeber" eine gewisse Erfolgsbeteiligung wünscht, ist nicht abwegig. Problematisch ist jedoch das Beharren auf eine fixe Kapital-Verzinsung. Denn wenn die Ernte vom Bauern verdorrt, so ist das Zurückfordern des Weizens inklusive Zins physisch nicht machbar - und der Weg in die Schuldskaverei. Vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern - so eine zentrale Botschaft des Christentums. Gemäss Macho/Sloterdijk (2014, Gespräche über Gott, Geist und Geld) mag das durchaus finanziell gemeint sein (siehe auch Pazos 2018). Wie die Historiker dies in Erfahrung bringen, ist eine andere Frage, doch Hudson schreibt, dass es bei den Sumer noch regelmässig Schuldenerlasse gegeben haben soll, um die soziale Spannung in der Gesellschaft zu lösen. Im Römerreich zur Zeit Christi soll es hingegen nur noch wenige freie Familien gegeben haben; die Mehrheit versank in Schuldskaverei. Heute nennt man es kaum mehr so, aber indische Kleinbauern nehmen sich genau deshalb noch heute das Leben, weil sie beim Ausfall der Baumwollernte im Schuldenberg ersticken. 

 

Das Islamic Banking erlaubt noch heute keinen Zins. Die Erfolgsbeteiligung erlaubt trotzdem hohe Renditen - aber garantiert diese nicht. Fällt die Ernte aus, darf der Kapitalgeber nicht auf etwas hoffen, das es nicht gibt. Die christliche Kirche hat sich im 15. Jahrhundert vom Zinsverbot verabschiedet, weil sie sonst kaum mehr an Kapital für ihre Kirchenbauten gekommen wäre. Mit dem Edelmetall aus Amerika hat eine schleichende Inflation eingesetzt. Niemand lehnt der Kirche Gold, wenn er in 5 Jahren zwar die gleiche Menge Gold zurück erhält, er dafür aber weniger Weizen kaufen kann. Das ist alles nachvollziehbar. Eine Rückkehr zum Zinsverbot wäre jedoch prüfenswert. Nicht der Kapitalgewinn ist problematisch, sondern die Erwartung von einem fixen Erfolg. Der Glaube, dass etwas wie Geld Wert aufbewahrt, ist ein gefährlicher Mythos. Aus dieser Erwartungshaltung resultiert der Wachstumszwang im schuld-basierten Fiat-Geldsystem. Es ist nicht so, dass die Wirtschaft real unendlich wachsen kann. Aber schrumpfen darf sie nicht, weil sonst das Fiat-Geld nicht mehr werthaltig ist. Wenn die Erdenbürger keine Autos mehr kaufen, wird das Kapital der grössten Konzerne der Welt zerstört. Wenn Mieter steigende Mieten nicht mehr bezahlen können, endet der Preisanstieg in der Immobilienbranche, und der Kredit, den die Bank für den Hauskauf ausgestellt hat, ist plötzlich weniger wert. Deshalb muss "die Wirtschaft" wachsen - solange sie das hier vermittelte Verständnis nicht intus hat. 

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Empfehlenswerte Solargenossenschaften:

Genossenschaft Solar St.Gallen, gegründet 2012, produziert Solarstrom für über 300 Haushalte. Innert 3 Jahren hat ibee studer Projekte mit über 1000 kWp ans Netz begleitet.

www.solar-sg.ch

ADEV Energiegenossenschaft bzw. ADEV Solarstrom AG, Betreiber von über 50 Solarstromanlagen in der ganzen Schweiz, sowie Wasser-/Windkraftanlagen und Holz/BHKW-Wärmeverbünden. Hierfür habe ich gearbeitet, bevor ich in St.Gallen selbstständig wurde.

www.adev.ch 

Befreundete Energiefachleute:

 

INES Energieplanung GmbH

www.ines-energy.ch (Bern)

 

EBF GmbH Energy Biosphere Food

www.ebf-gmbh.de (Heppenheim)