Einkommensungleichheit

Ein gewisser Tom Nicholson schreibt am 14.10.2016 auf Facebook, und erhält innert 10 Tagen 493'709 Likes dafür: "Ein Typ schaut meine Corvette an und sagt - es nimmt mich Wunder, wie viele Leute mit dem Geld ernährt werden könnten, das dieser Sportwagen gekostet hat. Ich antwortete, dass ich das nicht genau weiss; es hat viele Familien von Arbeitern in Bowling Green, Kentucky ernährt, welche es gebaut haben, es hat die Leute ernährt, welche die Reifen gefertigt haben, die verbauten Komponenten, jene, die das Kupfer für die Kabel in den Minen abgebaut haben, es hat Leute ernährt, in Decatur IL bei Caterpillar, welche die Trucks gebaut haben für die Kupferminen. Es hat die Lastwagenfahrer und die Händler und ihre Familien ernährt. Aber, ... ich muss zugeben, ich weiss wirklich nicht, wie viele davon ernährt wurden. 

Das ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Wohlfahrts-Mentalität. Wenn man etwas kauft, gibt man jemandem Geld in die Tasche, und würdigt ihn für seine Fähigkeit. Wenn man jemandem etwas gibt für nichts, dann raubst man ihm Würde und das Selbstwertgefühl. Kapitalismus ist ein freiwilliges Geben von Geld im Austausch mit etwas Werthaltigem. Sozialismus bedeutet, Geld gegen deinen Willen einzukassieren und jemandem etwas in die Kehle schaufeln, nach dem er nie gefragt hat."

Es lohnt sich, für einen Moment zu überlegen, was daran bedenkenswert und was doch fragwürdig ist. Unsere Frage ist, weshalb Herr Nicholson die Kaufkraft hat, um sich ein solch teures Auto leisten zu können; um so viele Arbeiter zu beschäftigen, welche diese Kaufkraft nicht haben. Woher kommt die Einkommensungleichheit, inwiefern lässt sie sich rechtfertigen - oder auskosten - und (wie) kann sie überwunden werden?

Der Kapitalismus tut sich schwer mit der Einkommensungerechtigkeits-Frage. Solange alle anständig leben können, ist die Kritik an grossen Einkommensunterschiede nur eine Neid-Debatte? Aber Achtung: Es hungert niemand, weil es zu wenig Essen gäbe - sondern weil die Kaufkraft sehr ungleich verteilt ist. Ein Rohstoffhändler beschreibt seinen Job damit, dass er Güter von Orten, wo keine Nachfrage besteht, dorthin vermittelt, wo sie gefragt sind. Doch leider verwechselt er Nachfrage und Kaufkraft (Zitat aus Rohstoff-Report von PublicEye). 

 

Die Kuznets-Kurve war in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts eine willkommene Rechtfertigung für die kapitalistische Welt. Simon Kuznets beobachtet 1955, wie die Einkommensungleichheit in den USA vorerst angestiegen ist, aber in den fortgeschritten Stadien der kapitalistischen Entwicklung wieder sinkt und sich auf einem akzeptablen Niveau stabilisiert. "Wirtschaftswachstum ist eine Flut, die alle Boote nach oben trägt" - so die Philosophie. Doch Thomas Piketty widerlegt die Vorstellung, dass die Einkommensungleichheit "automatisch" zurück geht, nachdem ein gewisses Maximum erreicht ist. Auf die Kuznets-Kurve kann man sich mittlerweile nicht mehr berufen. Kuznets lieferte Argumente für eine Deregulierung und Privatisierung ab den 1980er Jahren, seither nimmt die Einkommensungleichheit in Europa und den USA wieder deutlich zu. Piketty zeigt: Die Einkommensungleichheit sinkt, wenn die Kapitalrendite tiefer ist als das Wirtschaftswachstum. Wirtschaftswachstum mag (auch) deshalb erstrebenswert sein - was nicht heisst, dass es möglich ist. Können wir Grenzen des Wachstums akzeptieren? Piketty betrachtet die Einkommensungleichheit innerhalb von Nationalstaaten. In mancher Überschussgesellschaft ist Wachstum in Frage gestellt, während in Entwicklungsländern fraglos Wachstum wünschenswert ist. Wie spielt die Einkommensungleichheit innerhalb von Ländern mit der Einkommensungleichheit zwischen Ländern zusammen?

Entwiclung Einkommensungleichheit, Graphik Piketty ergänzt mit Kuznets-Kurve bis 1950
Entwiclung Einkommensungleichheit, Graphik Piketty ergänzt mit Kuznets-Kurve bis 1950

Entstehung der globalen Einkommensungleichheit

Ob jemand Reich oder Arm ist, ist bis 1600 primär eine Frage der Gesellschaftsklasse. Ob in Europa oder Indien: Eine kleine herrschende Klasse ist wohlhabend, die Mehrheit lebt nahe am Subsistenzminimum. Im 20. Jahrhundert hingegen mag der europäische Mittelstand durchschnittlich mehr Einkommen haben als ein Afrikaner der Oberschicht. In welche Gesellschaftsklasse man hinein geboren wird, ist bezüglich Wohlstandsperspektive nicht mehr so entscheidend, wie in welchem Land man geboren wird. Dieser Trend ist seit einigen Jahren wieder rückläufig. Doch vorerst wagen wir uns an ein Modell, welches die Entstehung der internationalen Einkommensungleichheit erklären mag. 

 

Das Subsistenzminimum - 6 bis 8 Megajoule pro Tag - rund 500 Gramm Reis - so viel Nahrungsenergie braucht der Mensch täglich - seit  20'000 Jahren und wo auch immer auf der Welt (vergleiche Teil 1, Wertmassstab). Wenn man Fleisch isst, so hat das Tier bereits die doppelte Menge an Primärenergie gefuttert. Mit der tierischer Arbeitskraft erschloss sich der Mensch eine erste Energiequelle, die über seine eigene Arbeitsleistung hinaus ging. Landwirte stellen mit Heulieferungen die Energieversorgung der urbanen Mobilität sicher. Es folgen Wasserräder, Windmühlen und Schiffe, welche mit der Kraft des Windes über die Weltmeere kreuzen. Die Zivilisationsentwicklung ist eine Geschichte der Energieausbeute. 

Täglicher Energiebedarf pro Person (Ian Morris 2012)

 

Vergleicht man den für ein Entwicklungsniveau typischen Energieeinsatz mit dem länderspezifischen Verbrauch, so bewegt sich Afrika und Indien irgendwo auf dem Niveau von Ackerbau und höherer entwickelter Landwirtschaft, und China auf jenem der Industriegesellschaft. Zwischen Energiebedarf und Einkommen pro Person ist auf der nachfolgenden doppelt-logarithmischen Darstellung ein Zusammenhang zu erahnen. Die Korrelation ist nicht strikt: Der Durchschnittschweizer mit 224 USD/Tag und 351 MJ/Tag verbraucht deutlich weniger Energie als der US-Amerikaner mit 155 USD/Tag und 800 MJ/Tag. Aber die Differenz zum Afrikaner mit weniger als 2 USD/Tag und 60 MJ/Tag ist eindrücklich. 

Abb Korrelation zwischen Energiebedarf und Einkommen

 

Diese Korrelation betrachtend, stellen sich zwei Fragen:

  • 80% der Weltbevölkerung lebt in einkommensschwachen Ländern, welche weniger als 50% der Energie beanspruchen. Wie können sich diese Länder wirtschaftlich entwickeln, wenn die Energieressourcen begrenzt sind? Es ist unrealistisch, dass die Erdölproduktion verdoppelt werden kann, damit jeder Chinese ein Auto fahren kann. Entscheidend sind die unbegrenzten erneuerbaren Energien. Es ist deshalb nichts als folgerichtig, dass China auf Elektromobilität setzt und führend in der Nutzung von Solar- und Windenergie wird. 
  • Aber weshalb sind es Europa und die USA, welche seit 1750 wirtschaftlich dominieren? Mechanisierung und Dünger führten zu einer massiven Produktivitätssteigerung, getrieben von riesigen Mengen an fossiler Energie. Ian Morris, der in "Why the West rules - for now" dieser Frage nachgeht, hält fest, dass China zwischen dem 5. und 17. Jahrhundert zivilisatorisch Europa überlegen war. Wieso wurde die Dampfmaschine in Europa und nicht in China erfunden? 

 

Die Erschliessung erneuerbarer Energien ist nicht nur eine technische Frage. Wirtschaftliche Stärke basiert auf Energiezugang. Zwei Aspekte mögen den Ursprung der globalen Einkommensungleichheit erklären. Einerseits wurde bereits in Teil 1 die schöpferische Zerstörung erklärt: Kolumbus entdeckte Amerika, weil Europa geographisch und deshalb auch machtpolitisch zerstückelt war, während Zheng He seine Expeditionen auf Geheiss vom chinesischen Kaiser einstellte. Das kleine Europa erkämpfte sich seinen Aufstieg rücksichtslos. Es dezimiert die amerikanischen Ureinwohner und fährt Kriegsschiffe auf, als China sich gegen die Opium-Lieferungen wehrt, mit denen europäische Händler die Silber-Lieferungen zu substituieren versuchen. Moralisch ist das nur verständlich, wenn man sich bewusst ist, dass Europa bis 1700 ein verruchter kleiner Zwerg im Vergleich zu den asiatischen Reichen war. Das ist die Essenz der schöpferischen Zerstörung: Innovative ambitionierte Zwerge stürzen die etablierten trägen Riesen. 

 

Anderseits lohnt sich ein Blick auf das Verhältnis zwischen Energiepreis und Einkommen. Die Preisrelation zwischen Arbeit, Kapital und Energie entscheidet über die Attraktivität der Industrialisierung. Ian Morris verweist diesbezüglich auf den Wirtschaftshistoriker Robert C. Allen [4]. China wie auch Europa vor dem 15. Jahrhundert sind dicht besiedelt, das Land ist knapp. Das Land - das Kapital der Landwirtschaft - ist sehr teuer im Verhältnis zur Arbeit. In dieser alten Welt kann ein zusätzlicher Arbeiter die Produktion nicht signifikant steigern; das Einkommen der Bauern ist tief (und der Adel, der den Boden kontrolliert, reich). In der neuen Welt, in Nordamerika, sind die Löhne höher, da jeder zusätzliche Farmer "neues" Land (gestohlen von den Ureinwohnern) kultivieren kann. Während die Überbevölkerung Europas nach Amerika abwandert, steigen auch die Einkommen in Europa. Mechanisierung lohnt sich - nur - wenn Arbeit relativ zu Kapital teuer ist. Im dicht besiedelten China hätte ein Traktor die Getreideproduktion nicht erhöhen können; aber die landwirtschaftliche Mechanisierung erhöht die Produktion in den Great Plains von Nordamerika. 

 

Die Mechanisierung war getrieben von fossilen Brennstoffen. Zwei Energie-Einsatz-Arten können unterschieden werden: Einerseits ein Traktor oder eine Textilmaschine, welche menschliche Arbeit ersetzt - aber nicht die Produktion pro Hektar bzw. pro Kapitaleinsatz erhöht. Andererseits ermöglicht eine Wasserpumpe je nach Region eine zweite Ernte, und auch Dünger - produziert mit viel Energie - steigert die Produktion pro Hektar. In Europa war und ist Energie billig relativ zum Einkommen. Aber wenn der Industrialisierungs-Prozess homogen auf der ganzen Welt stattgefunden hätte, wäre der Preis der (fossilen) Energie schnell angestiegen, und hätte den Anreiz zu weiterer Industrialisierung gemindert. Der energie-intensive Lebensstil, der sich eine Minderheit auf dieser Erde leisten kann, hätte sich kaum entwickeln können, wenn die Entwicklung nicht begrenzt im westlichen Kulturraum stattgefunden hätte. In anderen Teilen der Welt ist das globale Energiepreis-Niveau relativ zum lokalen Einkommen zu verstehen. In einkommensschwachen Ländern ist Energie ist im Verhältnis zu Arbeit teuer und deshalb Industrialisierung einfach nicht lohnenswert. 

Industrialisierungs-Zyklus

 

Wobei: Noch profitabler als Industrialisierung mit hohen Arbeitskosten in Europa ist die Produktion in einkommensschwachen Ländern für Länder mit hoher Kaufkraft. Daniel Yergin in "Staat oder Markt" folgend knüpft der Export-Erfolg der "Tigerstaaten" an das Ende der bipolaren Kommunismus/Kapitalismus-Welt an. Der laissez-faire Kapitalismus diskreditiert sich in der 1930er Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Kommunismus sind Antworten auf die sozialen Unruhen. Ob der Kommunismus in der Sowjetunion versagt, weil er mangels Wirtschaftsfreiheit keine Innovation durch schöpferische Zerstörung hervorbringt, weil das Kader korrupter Eigennutz-Versuchung nicht widerstehen kann, weil die Sowjets auf Rüstung und Grossindustrie statt eine nachhaltige Grundversorgung setzen, oder weil nach den 1970er Ölkrisen wieder sinkende Ölpreise schrumpfende Exporteinnahmen den Aussenhandel einschränken, sei hier nicht weiter vertieft. Einige Entwicklungsländer sympathisierten mit dem Kommunismus, der (im Gegensatz zum Nationalsozialismus) die Interessen der internationale Arbeiterschaft über nationale Interessen stellt. Handelspartner westlicher Länder zu sein ist für die Führungselite unabhängig gewordener Länder jedoch attraktiv. Die afrikanische, indische und lateinamerikanische Oberschicht waren mit den Kolonialherren gut vernetzt, und die Wohlhabenden wollen ihr alt-etabliertes Geschäft nicht durch einen Aufstieg der schmutzigen Unterschicht bedroht sehen. Die United Fruit Company (heute Chiquita) betrieb beispielsweise in Guatemala neben den Bananenplantagen die Post, die Eisenbahn und den einzigen Karibikhafen. Als eine neue Regierung bessere Arbeitsbedingungen, Mindestlöhne und Sozialleistungen fordert, wird sie als kommunistisch diskreditiert und gestürzt von einer Söldnertruppe, unterstützt durch die CIA. 1970 gewann Salvador Allende in Chile die Wahlen, der für eine Enteignung der Grossgrundbesitzer und Verstaatlichung der Industrie eintrat. Das missfällt den USA, die den Kommunismus in Südamerika auf dem Vormarsch sieht. Die Rockefeller Foundation und Ford Foundation finanzieren die Ausbildung der "Chicago Boys" an der University of Chicago, wo Milton Friedman die jungen chilenischen Ökonomen auf eine libertären Kurs trimmt. Allende wird 1973 von Augusto Pinochet gestürzt und die Chicago Boys setzen auf Privatisierung und Deregulierung. Der Ökonom Hayek rechtfertigt die Etablierung einer Diktatur, wenn diese vorübergehend zur Durchsetzung wirtschaftlicher Freiheit als Grundlage des Liberalismus nötig sei. Chile gehört noch heute zu den Ländern mit der höchsten Einkommensungleichheit. 

 

Das Wiedererstarken (neo)liberaler Prinzipien greift mit Margret Thatcher auf Grossbritannien über. Nach Jahren des Rückzugs gewann die Iron Lady im Falklandkrieg die Briten für sich, und ihr nächster Kampf richtete sich gegen die Gewerkschaften. Die Kohleindustrie wurde 1947 verstaatlicht, und kompromissloser Streik drohte, sollte eine der verlustreichen Zechen geschlossen werden. Das Erdöl der Nordsee schwächt die Macht der Kohlegewerkschaft, und so geht Thatcher 1984 siegreich aus dem Streik hervor. Es folgen Privatisierung und eine Deregulierung der Finanzmächte. Rückblickend sind es kleine, nachvollziehbare Schritte: Grossbritannien beginnt in den 80er Jahren mit der Abrüstung der sozialen Errungenschaften der Nachkriegszeit, die Russische Funktionäre erkennen ihr persönliches Gewinnpotential aus der Privatisierung. Wer das Buch "Selling the Soviet Empire" von einem der Hauptakteur der Privatisierung, Alfred Kokh, liest, wird einige Impressionen persönlicher Bereicherung zur Kenntnis nehmen. Sein Vorgesetzter ist beispielsweise so freundlich, das Stichdatum für die Zuteilung einer Aktien-Options-Zuteilung nachträglich vor zu verschieben, sodass Kokhs frisch geborene Tochter auch in den Genuss kommt. Interessant ist die Weiterentwicklung der Frage "Staat oder Markt", wie sie Daniel Yergins stellt", in Asien. Autoritäre Regenten in den Tigerstaaten nutzen in den 90er Jahren die staatliche Macht, um ihre Konzerne auf dem Weltmarkt zu positionieren. Eine enge Verbindung zwischen Politik und Wirtschaft liess Grossindustrien entstehen. In Südkorea profitierten Familienunternehmen wie Samsung, Hyundai, LG von staatlichen Förderprogrammen mit aussenwirtschaftlichen Zielen. Die staatlich gestützten Konzerne können mit billigen Arbeitskräften im globalen Wettbewerb punkten. Ist Staatskapitalismus die Konklusion aus staatlicher Planwirtschaft und liberaler Marktwirtschaft? Dieses Erfolgsrezept ist gefährdet, wenn die Einkommensungleichheit zurück geht. Die erzielte Economy-of-Scale mag zwar ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil sein, doch günstiger ist die Verlagerung der Produktion in noch billigere Länder. Für die asiatische Elite ist die Weiter-Verlagerung nach Kambodscha und Bangladesch kein Verlust, für die breite Bevölkerung jedoch kein Gewinn. Inwiefern haben die chinesischen Funktionäre das Erfolgs-Konzept der Tigerstaaten übernommen? Ist die Partei-Bezeichnung "kommunistisch" nur noch ein vorgetäuschtes Schutzschild gegen neue soziale Unruhen? Ich mute es einer chinesisch-kommunistischer Planung zu, die Export-Orientierung zugunsten von einer Binnen-Wohlstandssteigerung umzubauen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die chinesische Führungs-Elite einen solchen Wandel anstrebt, oder zum persönlichen Vorteil die Einkommensungleichheit global und im Land zur Bewahrung der Konkurrenzfähigkeit möglichst aufrechtzuhalten versucht. 

 

Freihandel mag zu einem Ausgleich von (Lohn-)Ungleichgewicht führen, ist aber zumindest temporär ein attraktives Instrument zur Auskostung von Einkommensungleichheit. Langfristig funktioniert das Auskosten der Einkommensungleichheit jedoch kaum, weil die Kaufkraft in Europa und den USA schwindet, wenn die Arbeitsplätze ins Ausland abwandern. Heute verdient ein chinesischer Arbeiter bereits mehr als jener in Mexiko oder Osteuropa. Wenn sich das chinesische Einkommen verdreifacht, mag die resultierende Energienachfrage den Energiepreis verdoppeln (wenn Energie begrenzt ist). Für einen Chinesen wurde der Energiepreis relativ zum Einkommen trotzdem billiger. Für einen US-Amerikaner ist es jedoch ein schwerer Schlag, wenn sich der Energiepreis verdoppelt und billige Importe aus China entfallen. Ist eine Welt mit weniger Einkommensungleichheit denkbar? Mit unbegrenzten, erneuerbaren Energien - Ja. 

Bewirtschaftung der Einkommensungleichheit

Der "Industrialisierung-Zyklus" illustriert auch die Problematik, wie Einkommensungleichheit in einer "Volkswirtschaft" (bzw. "Währungsraum") Wirtschaftswachstum hemmt. Ungleichheit bei Lohneinkommen - unglaubliche Management-Gehälter - sind ein aktuelles Thema. Insgesamt ist die Einkommensungleichheit jedoch vom Kapitaleinkommen geprägt. Dass ein innovativer Bill Gates zu einem Milliarden-Vermögen kommt, mag ihm gegönnt sein. Weniger mit Fleiss, Glück und Innovation hat es zu tun, dass seine Nachkommen jährlich Kapitaleinkommen in zweistelliger Millionenhöhe erwarten dürfen. Die Frage nach Gerechtigkeit oder Neid beiseite lassend - wir thematisieren ein ökonomisches Problem: Hohe Einkommen, auf wenigen Personen konzentriert, werden zu einem geringen Anteil in Konsumnachfrage umgesetzt. Die Sparquote ist hoch, dadurch mag der Kapitalpreis sinken (D3-), was ein Anreiz für Investitionen ist (D4-). Aber wer mag die Mehrproduktion kaufen, welche aus der Investition resultiert? C1+ fehlt, weshalb C2+ ausbleibt, was sowohl C3+ wie auch A4+ in Grenzen hält -> Wirtschaftswachstum wird durch hohe Einkommensungleichheit gehemmt. 

 

Die Industrialisierung hat einigen Unternehmern grossen Reichtum beschert; weshalb die Arbeiter am Erfolg der Industrialisierung teilhaben lassen? Weil die Wirtschaft nur begrenzt wachsen kann, wenn keine breite Kaufkraft vorhanden ist. Die ersten typischen Produkte der Schweizer Textilindustrie: Stickereien aus St.Gallen und Seidenbändel aus dem Baselbiet. In Anbetracht der verbreiteten Armut um 1900 - sind Seidenbändel und Stickereien gefragt? Wieder müssen wir zwischen Kaufkraft und "Nachfrage ohne Kaufkraft" unterscheiden. Dem "Bedarf" nach - ohne Beachtung der Kaufkraft - wären gute Schuhe und Kleider wohl in grossen Massen gefragt gewesen. Doch Käufer ist, wer Geld hat - also orientiert sich das Angebot an den Kaufkräftigen. Man kann immer effizienter und mehr schöne Stickereien produzieren - aber selbst wenn Kaufkraft vorhanden ist - wer braucht das Zeugs? Das war wohl das Problem der frühen Industrialisierung, bevor die Weltkriege und soziale Bestrebungen die Einkommensungleichheit glätteten. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre ist bekannt als Absatzkrise; aber sicher hätte viele den Kaffee gerne genossen, der damals über Bord geschüttet wurde, um die Preise zu stützen. Aber der breiten Bevölkerung fehlte die Kaufkraft. Heute haben wir - global betrachtet - ein ähnliches Problem. Den kaufkräftig-gesättigten Europäern und US-Amerikanern noch mehr irgendwas zu verkaufen, wird immer schwieriger. Hätten die Afrikaner hingegen mehr Einkommen, könnten die Kühlschrank- und Waschmaschinenfabriken die Produktion hochfahren. 

 

Nationen mit hohen durchschnittlichen Einkommen haben tendenziell eine tiefere Einkommensungleichheit, hohe Einkommensungleichheit findet man in afrikanischen Ländern und Indien. Im Gegensatz zur bekannten Armut beschreibt Rana Dasgupta in "Capital - The Eruption of Delhi" die Welt der reichen Inder. Dieser Kontrast zwischen Arm und Reich, der aufgeklärte Europäer befremdet, mag nicht ein Zeugnis von "Unterentwicklung" sein, sondern durchaus eine Zukunftsperspektive, meint Dasgupta. Die Einkommensungleichheit innerhalb den USA und europäischen Staaten steigt; für Einkommensstarke ist das keine unattraktive Perspektive. In Singapur verdienen gut qualifizierte ähnlich viel wie in der Schweiz, sie können sich dort hingegen problemlos eine Putzfrau leisten, für die Kinder eine Nanny engagieren und sich täglich bekochen lassen. Als Wohlhabende Bedienstete zu halten wird in Indien gewissermassen als soziales Engagement gesehen. Aravind Adiga beschreibt in "The White Tiger" das Leben eines Bediensteten in Indien; sich wie ein Raubtier rücksichtslos hochzukämpfen und dabei seinen Herr zu erschlagen scheint für ihn die einzige Erfolgsperspektive; das wahre Unternehmertum. Mikrokredite sollen unternehmerische Chancen wecken. Die Erfolgsgeschichte des ersten Smothee-Verkäufers mag motivierend sein, doch wenn zwanzig weitere in der Stadt einen Mikrokredit für eine Smothee-Maschine erhalten haben, wird der Erfolg abflachen - und noch nicht viel erreicht sein. Zur Überwindung von Armut braucht es sichere Jobs, Bildung, ein gutes Gesundheitswesen und Altersvorsorge, so Abhijit V. Banerjee in "Poor Economics". Moskitonetze, Impfungen und eine gesunde Ernährung zahlen sich in höherem Einkommen aus. Durch Informationsmangel und Bequemlichkeit verpassen Arme jedoch oft eine bessere Zukunft, während Menschen in reicheren Ländern mit Gesundheitsprävention und Altersvorsorge nahezu zu ihrem Glück gezwungen werden. Um einer sozialistischen Revolution vorzubeugen, haben sich in Europa Sozialstaaten entwickelt. Aber wenn die kommunistische Gefahr gebannt ist: Weshalb soll die indische Elite hohe Steuern zum Aufbau von einem Sozialstaat zahlen, um letztlich die komfortable Einkommensungleichheit nicht mehr auskosten zu können?

 

Ein indischer Manager mag über 2 Dollar täglich für Benzin ausgeben, für den Arbeitsweg, mehr als sein Mitarbeiter verdient. Wenn dieser "Homo Oeconomicus" ein ähnliches Einkommen wie ein Europäer hat, weshalb soll er nicht auch in die Ferien fliegen und "Luxusartikel" wie Computer und eine Golduhr importieren? Im Tausch gegen rund 8 Mio Tonnen Erdöl exportiert Indien 20 Mio t Getreide. Die jährliche Getreideproduktion ist von 46 Mio Tonnen in 1950 auf 160 Mio Tonnen in 2000 gestiegen; pro Person gerechnet standen 1950 täglich 354 g zur Verfügung, 1990 446 g/Tag, im Jahr 2000 nur noch 385 g (Ruddar Datt, K.P.M. Sundharam: "Indian Economy"; S.Chand & Company Ltd. New Delhi 2004). Eine Mehrheit der Inder lebt von der Landwirtschaft. Den Getreidepreis hoch zu halten, indem weniger auf dem Weltmarkt angeboten wird, wäre im Interesse der Einkommensschwachen. Doch 20% Einkommensstarke haben mehr Kaufkraft als 80% Einkommensschwache zusammen. Die Import-Export-Verhältnisse werden nicht demokratisch, sondern von der Kaufkraft bestimmt. Luxusimporte der Oberschicht führen zu einem Handelsbilanz-Defizit und zu einer Abwertung der Landeswährung. Die Abwertung der indischen Rupie mag für Fabrikanten Teil vom Geschäftsmodell sein: Nur wenn die Löhne der indischen Unterschicht tief sind, sind sie konkurrenzfähig. Die Textilien verkaufen indische Fabrikanten in Europa. Wenn sie den Ertrag auf einem Schweizer Bankkonto als CHF lagern, entsteht keine Nachfrage nach indischen Rupie, die indische Währung wertet sich ab, die Billiglohn-Industrie bleiben konkurrenzfähig. Und mit die gebunkerten Schweizer Franken können sich die reichen Inder immer mehr indische Rupie leisten. Die wohlhabenden indischen Unternehmer sind nicht nur Treiber der Währungsabwertung, sie sind auch deren Profiteure. Die Einkommensungleichheit innerhalb einer Nation beeinflusst über Währungs-Tauschverhältnisse das Schicksal der Nation im internationalen Kontext. 

Überwindung der Einkommensungleichheit

Eine Währung mag das Schicksal einer Nation bestimmen. Nationen sind ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts, fragwürdige Schicksalsgemeinschaften, in welche man zufällig hinein geboren wird. In Entwicklungsländern einen Sozialstaat zu etablieren ist ein hehres Ziel, doch das wäre nicht im Interesse einer einkommensstarken Elite, welche die Politik mit Spenden beeinflusst. Für ein Milliardär ist es eine profitable Investition, eine Million für eine Kampagne gegen eine Erbschaftssteuer zu spenden. Die vermiedene Erbschaftssteuer spart ihn viele Millionen. Reiche, welche gegen ihre eigennützigen Interessen spenden, verlieren hingegen ihre Kaufkraft und Einflussmöglichkeit. Staatlicher Sozialismus kann man als Gegenmittel sehen, hat sich in der Vergangenheit jedoch wenig bewährt. Wir nennen das vorgestellte Konzept "liberalen Kommunismus", da es um privatwirtschaftliche "kommunistisch-kooperative" Einheiten geht, die sich liberal im Wettbewerb um einen angenehmen Lebensstandard bewähren müssen. 

 

Teil 2 hat die Bedeutung der Kooperation thematisiert und der Übergang von göttlichen Monarchien zu demokratischen Nationen. Die Grenzziehung der Nationen ist fraglich, doch als Einheiten mit einem Rechtssystem und Gewaltmonopol erfüllen sie einen gewissen Zweck. Aufgrund der Einkommens-Ungleichheits-Problematik innerhalb und zwischen Nationen wollen wir jedoch die Möglichkeit von genossenschaftliche Währungsräume diskutieren. Sie mögen als Sozialstaaten ohne territoriale Hoheit funktionieren. Die Aufgabe der Genossenschaft ist es, die Arbeitskraft ihrer Mitglieder zur Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder einzusetzen. Hierbei muten wir der Genossenschaft nicht jegliche Produktion zu, sondern differenzieren zwischen einer lokalen Grundversorgung mit Konsumgütern: Nahrungsmittel, Wohnraum, Gesundheitswesen und Bildung einerseits und Investitionsgütern anderseits, welche eine effizientere Produktion und Wachstum ermöglichen mögen, aber im Hinblick auf die nötige Economy-of-Scale eher in multinationalen Konzernen produziert werden. Die Genossenschaft organisiert die Grundversorgung, und führt soweit es dem Wohle der Genossenschaft liegt einen Aussenhandel analog eines Staates. 

 

Landwirtschaftliche Genossenschaften sind in Entwicklungsländer bekannte, aber nicht unumstrittene Institutionen. Einerseits kann man die Unterordnung selbstständiger Bauern unter ein bezahltes Management als erster Schritt zu extraktiv-kapitalistischen Grossbetrieben sehen, oder anderseits als planwirtschaftlich-ineffiziente Kollektivierung. Ist die Genossenschaft alleine landwirtschaftlich tätig, ist ihr eigentliches Problem jedoch in einem Gewissen Sinne die Effizienz. Eine Genossenschaft kann die zusammengelegte Landwirtschaftsfläche mit weniger Personal effizient bewirtschaften. Der Output pro Arbeiter ist höher - doch wer gibt sein Land in die Genossenschaft, wenn er in der Folge seinen Lebensverdienst verliert? Womöglich sind deshalb einige landwirtschaftliche Genossenschaften ineffizient, weil sie nicht effizient sein sollen, weil sie keine Arbeitslosigkeit erzeugen dürfen. Erfolgsentscheidend ist ein Angebot von sicheren Arbeitsplätzen für Unterbeschäftigte aus dem Agrarbereich. Daher sprechen wir hier von einer Grundversorgungs-Genossenschaft oder einem "genossenschaftlicher Währungsraum", welche(r) insbesondere auch das Bildungs- und Gesundheitswesen einschliesst. 

 

In den Sozialstaaten Europas sind gut 20% der Erwerbstätigen im Gesundheits- und Bildungssystem beschäftigt; in Indien und Afrika hingegen unter 5%. Bildung und Gesundheit sind entscheidend zur Überwindung von Armut. Wenn der Staat nicht die Mittel dazu zur Verfügung stellt, ist das bedauerlich. Wie diskutiert wollen die Einkommensstarken kaum mehr Steuern bezahlen, ihre Versorgung ist mit privaten Institutionen gesichert. Das soll uns jedoch nicht daran hindern, die in der Landwirtschaft gewinnbare Effizienz genossenschaftlich-privatwirtschaftlich in Arbeitsplätze in Schulen und Spitälern zu überführen. 

 

Aufbau von Gesundheit, Bildung und Infrastruktur

Wenn eine Genossenschaft mit 1000 Personen (250 bis 300 Haushalte) die durchschnittliche Bevölkerung widerspiegelt, werden davon wohl nur rund 500 erwerbstätig sein: Von 1000 Einwohnern sind durchschnittlich rund 300 Kinder bzw. in Ausbildung. Bei rund 20 Kindern pro Jahrgang ergibt sich eine sinnvolle Klassengrösse. Weitere rund 200 mit zu versorgende Personen mögen aufgrund ihres hohen Alters, ihrer Familien-internen Arbeit oder einer Behinderung keinen Arbeitsplatz beanspruchen. Wenn die Kinderbetreuung, Altenpflege und weitere Hausarbeit nicht als Teil Genossenschaftsleistungen professionalisiert wird, ist letzterer Anteil eher noch grösser. 

 

Wer sein Land der Genossenschaft zur Verfügung stellt, erhält im Gegenzug eine Anstellung mit einem Mindesteinkommen; dieses sichert mindestens die Lebensmittelversorgung und kann auf Wunsch in Naturalien bezogen werden. Die Genossenschaft sollte ggf. auch den Schuldendienst übernehmen, welche vorher auf dem Landwirt lastete. Die als Währungsgenossenschaft organisierten Gruppe erzielt weiter gleich viel oder sogar mehr Agrar-Ertrag als bisher; Ziel ist es nicht, der reduzierten Anzahl Agrar-Arbeitern mehr Lohn bezahlen zu können, sondern in der ganzen Gemeinschaft einen höheren Lebensstandard zu erreichen. 

 

Erstens kann die Genossenschaft die Verantwortung für ein Dorf-Gesundheitszentrum und die Schule übernehmen und deren Personal aufstocken. Weil in Indien die Schulqualität öffentlicher Schulen angezweifelt ist, werden viele Kinder mit grossen Erwartungen an teure Privatschulen gesandt. Banerjee (2011) identifiziert das Problem darin, dass talentierte Schüler gefördert werden, die Lehrer hingegen schwache Schülern hoffnungslos stehen lassen. Schüler bleiben dem Unterricht fern, weil sie in dem überfordernden Unterricht nichts lernen, und Lehrer von öffentlichen Schulen bleiben frustriert dem Unterricht fern, weil ihre Schüler scheinbar lernunwillig sind. Für eine verbesserte Schulqualität braucht es nicht ambitioniertere Lernziele, sondern mehr Lehrpersonal, das insbesondere die schwachen Schüler mitzieht. 

 

Ähnlich verhält es sich gemäss Banerjee (2011) im Gesundheitswesen: Weil das öffentliche Gesundheitszentrum unterbesetzt ist, vertraut sich die Bevölkerung fragwürdigen Quacksalbern an. Wenn ein selbsternannter Arzt eine Spritze verabreicht oder fragwürdige Medikamente abgibt, wirkt das vertrauenserweckender, als eine einfache Zucker-Salzlösung bei Durchfall oder ein Moskitonetz gegen Malaria - wobei die Prävention langfristig viel wirksamer ist als eine Übermedikamentierung. Das öffentliche Gesundheitspersonal erscheint nicht zur Arbeit, weil die vorgegebenen Arbeitszeiten überfordernd sind; oder weil die Bevölkerung ohnehin nicht zu ihnen kommt, weil sie so unzuverlässig sind. Mehr Personal ist nötig, um den Anforderungen gerecht zu werden und Verständnis für Prävention und unspektakuläre, langfristige Massnahmen durchzusetzen. Kontrolliert-randomisierte Studien zeigen, dass die regelmässige Einnahme von Entwurmungspillen das spätere Einkommensniveau von Schüler signifikant erhöht. Ebenso Moskitonetze und Impfungen. Auch in Europa würden sich nicht alle an vorgegebene Impfvorschriften halten oder in eine Krankenversicherung und Altersvorsorge einzahlen, wenn der vom Sozialstaat seine Bewohner nicht zu ihrem Glück zwingen würde. Das ausgebaute Gesundheitsstandard in der Währungsgenossenschaft ist eng mit Bildung und Sensibilisierung verbunden. 

 

Das Gesundheitswesen führt zu einem zweiten auszubauenden Beschäftigungs-Sektor: Die sanitäre Infrastruktur. Von der Landwirtschaft freigesetzte Arbeitnehmer werden zu Bau und Unterhalt von Trinkwasserversorgung und Kanalisation eingesetzt. Toiletten-Anlagen verbessern die hygienischen Bedingungen und sammeln biogenen Abfall. Eine Biogas-Anlage, die auch Ernteabfälle verwertet, wird zur Kläranlage sowie Energie- und Düngerquelle. Die Hektarerträge können mit verstärktem (organischen) Düngereinsatz und Investitionen in Bewässerungsanlagen gesteigert werden.

Genossenschaftswährung

Als Genossenschaftswährung bzw. zur Finanzierung werden Genossenschafts-Anteilscheine vorgeschlagen. Die Genossenschaft emittiert Anteilsscheine, indem sie Genossenschafter im Infrastruktur- und Wohnungsbau auszahlt. Da Miete, Bildungs- und Gesundheitsleistungen in Genossenschaftswährung zu bezahlen sind, tauschen landwirtschaftlich-tätige Genossenschafter das Genossenschaftsgeld der Bauarbeiter gegen Lebensmittel. Als Tauschmittel ist Papiergeld oder digital-elektronisch geführte Guthaben-Konten denkbar, ggf. per Mobiltelefon transferierbar. Als Wertmasstab kann zu Beginn ein Nennwert in National-Währung gewählt werden; oder alternativ ist zu prüfen, ob ein Substistenz-Tageslohn (wie in Teil 1 diskutiert, 550 g Getreide) als Währungseinheit zweckmässig sein kann. Inflation wäre bei letzterem insofern ausgeschlossen, wenn die Genossenschaft als Lebensmittel-Produzent zur Zahlung eines solchen Mindestlohns verpflichtet ist - gedeckt mit Naturalien. Wenn nicht ausreichend Miete und Sozial-Abgaben erhoben werden, ist ein Wertverlust eines Genossenschaftsscheins die Konsequenz. Ein solcher Wertverlust wäre jedoch direkt mit einem unterbezahlten Nutzen unter den Genossenschaftsmitgliedern verbunden. Umgekehrt führt ein Handelsgewinn der Genossenschaft zu einer Aufwertung der Genossenschaftswährung - d.h. das Lohnniveau und die Kaufkraft steigt gegenüber der Aussenwirtschaft. Die Werterhaltung der Lokalwährung ist vom Management der Genossenschaft abhängig, aber nicht vom national-ökonomischen Schicksal.

 

Erfolgsentscheidend ist die Handels- und Leistungsbilanz der Genossenschaft: Soweit Produktivitätssteigerungen zweckmässig sind, müssen nicht in der Genossenschaft herstellbare Maschinen und Bau-Rohstoffe gegen Genossenschafts-"Güter" gehandelt werden. Erstens soll die Handelsmarge mit einem genossenschaftlich-professionalisierten Einkauf schlanker sein als bei einem Handel zwischen verschuldungsabhängigen, ungebildeten Bauern und gewinnorientierten Händlern. Zweitens können Gesundheits- und Schul-Angebote sowie Wohnungen für Nicht-Genossenschafter einkommensstarke Ergänzungen zu Agrar-Exporten sein. 

 

Wie ist die Einkommensungleichheit in der Währungsgenossenschaft in Grenzen zu halten? Und lässt sich qualifiziertes Führungspersonal rekrutieren, wenn die Managementlöhne maximal z.B. 10x höher sind als jene eines Landarbeiters? Individuen, die nach einem maximalen Gehalt streben, mögen eine Arbeit ausserhalb der Genossenschaft suchen; wenn sie fündig werden, gut, wenn nicht, haben sie in der Genossenschaft eine Rückfall-Option. Die Attraktivität vom Leben in der Genossenschaft wird weniger vom finanziell-messbaren Einkommen abhängen als von Lebensqualität, die sich auch in Freizeit entfalten soll. Ein menschenwürdiges Dasein ist mit dem Minimaleinkommen gesichert. Wer produktiv ist und/oder über speziell-gefragte Fähigkeiten verfügt, darf durchaus 2-10x mehr pro Tag erhalten. Für profitorientierte Unternehmen ist es wirtschaftlich, vorzugsweise die Produktivsten zu beschäftigen, ihnen wenn möglich aber doch nur einen Minimallohn anzubieten; ein aufrecht-erhaltbarer Lohndruck, denn die Unproduktiveren sind letztlich arbeitslos. Die alternative Lösung: Für die Verteilung von austauschbaren Arbeiten in der Währungsgenossenschaft - z.B. Bau- und Landarbeit - haben jene Genossenschafter Beschäftigungs-Vorrang, die in der letzten Abrechnungsperiode (z.B. monatlich) den tiefsten Lohn hatten. D.h. ein produktiver Arbeitnehmer mag einem hohen Tageslohn gerecht werden und diesen einfordern, aber wird pro Abrechnungsperiode nur eine begrenzte Anzahl Tage arbeiten, sodass sein Einkommen nicht wesentlich höher ist als jenes seiner Kollegen. Leistung wird durch Freizeit honoriert. Das scheint beidseitig zufriedenstellender als eine stressgepräfte Beschäftigung der Leistungsfähigsten, die (in einem Sozialstaat) frustrierte Arbeitslose mit-finanzieren müssen. Man könnte dies gewissermassen als bedingtes Grundeinkommen bezeichnen. Alle haben die Möglichkeit, ein Grundeinkommen zu erzielen - aber doch muss dafür seine Arbeitsleistung zur Verfügung stellen. Ein Verteilungs-Prinzip, das womöglich durchaus auch ausserhalb der Währungsgenossenschafts-Idee prüfenswert ist, um Arbeitslosigkeit hinfällig werden zu lassen. 

 

Eine unternehmerisch innovative Währungsgenossenschaft wird auch ein Gastronomie- und Tourismus-Angebot aufbauen, das alleine wegen seiner Besonderheit Geld von Aussen einspielen wird.

Diskussion

Mit dem diskutierten Konzept wird eine Alternative zur Landflucht geschaffen; das Konzept mag der Billiglohn-Industrie den Rohstoff entziehen. Ähnlich organisierten im 16. Jahrhundert Jesuiten in Südamerika "Reducciones", in denen sich die indigene Bevölkerung selbst versorgte. Diese Alternative zur Ausbeutung missfiel den Kolonialisten; letztlich wurden die Jesuiten des Landes verwiesen. Dass der kooperative Weg aus der Versklavung gewaltsam bekämpft wird, ist eine Gefahr. Wie Mahatma Ghandi sagte: "First they ignore you, then laugh at you and hate you, then they fight you, then you win." Der skizzierte liberale Kommunismus ist noch im Stadium, ignoriert zu werden. "Kommunismus" deshalb, weil es sich gewissermassen um eine "Kommune" handelt - im Sinne einer "Gemeinde", oder auch gewissermassen aufgrund des Umgangs mit dem Privateigentum. Das Land, die Produktionsmittel, Liegenschaften und Infrastruktur sind Gemeinschaftseigentum. Da die Genossenschaftsanteile aber wiederum den Genossen gehören - und als Tauschmittel zirkulieren - ist es aber doch auch nicht Staatseigentum. Das Konzept ist liberal, da es ohne staatliches Zutun funktionieren soll. Weil die Kooperation sich dem Wettbewerb um andere Lebensformen stellen soll. Wird eine Genossenschaft schlecht geführt, mögen Genossenschafter austreten und womöglich eine neue Genossenschaft gründen. Die Genossenschaft ist kein Selbstzweck und hat keinen eisernen Vorhang, sondern soll einen besseren Lebensstandard bieten. 

 

Das Konzept der Grundversorgungs-Genossenschaft ist auch vergleichbar mit der Kibbuz-Bewegung, aus welcher sich der Staat Israel entwickelt hat. Die Relevanz der Kibbuz ist heute stark reduziert, weil sich ein funktionierender Sozialstaat entwickelt hat - das Ziel ist erreicht. Einige Kibbuz und die grösste Produktivgenossenschaft Mondragon haben sich der Industrie-Produktion zugewandt. Der staatliche Kommunismus hat seinen Erfolg stark an Grossindustrien gemessen. Wir möchten die komplexe Investitionsgüter-Produktion hingegen eher dem kapitalistischen Wettbewerb überlassen. Hier braucht es Economy-of-Scale, welche in und für 1000-köpfigen Genossenschaften kaum erreichbar ist. Es ist zwar denkbar, dass einige Genossenschaften eine gemeinsame Sekundär-Genossenschaft zur Produktion z.B. von (Elektro-)Traktoren gründen. Aber wenn ein externer Konzern bessere Traktoren herstellt - sind wir dann loyal an die "eigenen" Traktoren gebunden und müssen entsprechend Effizienz einbüssen? Wir begrenzen daher die Grundversorgungs-Genossenschaft auf die Produktion von Konsumgütern, während wir vom freien Markt mit den effizientesten Investitionsgüter beliefert werden. Der Konsumgüter-Markt verspricht eine konstante Beschäftigung, während auf dem Investitionsgütermarkt Unternehmen boomen und wieder verschwinden. Um konstant Investitionsgüter zu verkaufen, bräuchte es einen exponentiell wachsenden Konsumgütermarkt. Diesen Zwang zu Wachstum und Vollbeschäftigung wollen wir durchbrechen. Die Industrie soll volatil und agil sein - getrieben von schöpferischer Zerstörung. Die Grundversorgungs-Genossenschaften hingegen bieten nachhaltigen Wohlstand für alle, die sich ihnen anschliessen wollen.

 

Hiermit sind wir auch bei der Überwindung vom Nationalstaaten-Denken. Während die Nationalität eine Geburtenlotterie ist, ist die Mitgliedschaft in einer Grundversorgungs-Genossenschaft eine freie Entscheidung. Wer sich anschliesst, stellt seine Arbeitskraft zur Verfügung und erhält über den Mechanismus der Arbeitsverteilung gewissermassen ein gesichertes Grundeinkommen. Die Genossenschaft ist ein liberaler, nicht-territorialer Sozialstaat. Wie in Teil 2 diskutiert sind auch kapitalistische Unternehmen kooperative Einheiten, die Führung grosser Konzerne ist eine kooperative Leistung, die zu Wettbewerbsfähigkeit führen mag. Wird das gewinnorientierte Unternehmen jedoch effizienter - durch Kooperation oder technische Innovation - so schliesst es die nicht mehr nötigen Arbeitskräfte vom Kooperationsprozess aus. Arbeitslosigkeit ist ein sinnfreies Manko an Organisation - die Grundversorgungs-Genossenschaft bietet eine Alternative. Der Ausschluss von Personen aus der Kooperation in Nationalstaaten hat mit der Verbannung z.B. nach Australien eine Vergangenheit. Armutsbetroffene Staaten lassen Arbeitslose und unbequeme Bürger womöglich nicht ungern auswandern - sei dies die Schweiz im 18. Jahrhundert oder Eritrea heute. Dass man Bürgern die Staatsbürgerschaft aberkennt, ist jüngst wieder vermehrt ein Thema: Grossbritannien entzieht IS-Kämpfern die Staatsbürgerschaft, die Türkei Regimekritikern, Rohingyas sollen keine Burmesen mehr sein. Die Staatsangehörigkeit ist ein fundamentales Menschenrecht; solange es keine Alternativen zu Nationalitäten gibt, mag das wertvoll sein. Die Einteilung in Völker und Nationalitäten ist jedoch fragwürdig - die Mitgliedschaft in Grundversorgungs-Genossenschaften eine Alternative. 

 

In Burkina Faso und manch anderen ehemaligen Kolonien kann man sich über schlechte Schulen und korrupte Minister beklagen; lokal-politische Initiativen sind hingegen durch eine zentralistische Politik verwehrt. Alle Steuern gehen an den Nationalstaat, und allmächtige Minister befinden grosszügig, ob hier oder dort ein Spital eröffnet oder saniert wird. In der Schweiz hingegen muss bzw. darf jede Gemeinde selbst entscheiden, ob sie etwas mehr Steuern für eine gute Schule bezahlen will oder nicht. Das Gesundheitswesen ist regional organisiert; der Steuerumschlag auf nationale Ebene relativ gering. Den Wert dieser (nicht immer einfachen) föderalistischen Organisation mag einem erst im Kontrast zum kolonialen Erbe bewusst werden. Frankreich hat eine zentralistische Tradition, doch selbst die ehemalige Kolonialmacht mag mittlerweile föderalistischer geworden sein, während die ehemaligen Kolonien im korruptions-anfälligen Zentralismus hängen bleiben. In Nigeria hat die Forderung nach mehr Föderalismus 1980 zu einem blutigen Bürgerkrieg geführt. Oft sind es rohstoffreiche Regionen, die nach mehr Eigenständigkeit rufen, und die Zentralregierung glaubt eine gerechte Verteilung aufrecht erhalten zu müssen. Zur gerechten Verteilung von Rohstoff-Knappheits-Renditen sind möglichst globale Cap-and-Share Instrumente wünschenswert. Sodass sich befreit vom Verdacht auf Rohstoff-Egoismus regionale Initiativen entfalten können. Statt undurchsichtigen Partei-Organisationen angelehnt an Stämme und Persönlichkeiten könnte eine politische Initiative für mehr Verantwortung und Kompetenz in den Gemeinden zielführend sein. Wir können hier jedoch nur bedingt die Politik formen, und bleiben deshalb bei der privaten genossenschaftlichen Initiative. Wenn es kein Gesundheitszentrum in der Gemeinde gibt und keine gute Schule, so kann eine genossenschaftliche Organisation eine Lösung bieten, die sicher konstruktiver ist als das Klagen über korrupte Politiker. Die Schweiz ist eine Eidgenossenschaft. Genossenschaften müssen keine territoriale Hoheit beanspruchen, können aber sozialstaatliche Funktionen übernehmen. 

 

Die Vision ist, dass sich in armuts-geprägten Regionen lokale Genossenschaftskreise der nationalen Einkommensungleichheits-Logik entziehen können, und sich so auch die internationale Einkommensungleichheit reduziert. Die liberal-kommunistische Währungsgenossenschaft scheint uns gegenüber (mehr oder weniger) liberalem Kapitalismus, Staatskapitalismus und staatlichem Kommunismus ein diskussionswürdiger vierter Quadrant. 

 

Die historisch-erkämpfte internationale Einkommensungleichheit ist heute rückläufig - auch dank der Kraft erneuerbarer Energien. Muss sich der wohlstandsverwöhnte Westen vor dem Abstieg fürchten? Wir sollten die Angst vor einer gerechteren Welt entkräften. 

 

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